Nachwuchsförderung
20.September 2007

Eine meiner vornehmsten Aufgaben als Vater besteht darin, den Nachwuchs an unseren Verein heranzuführen. Und ich darf sagen, in keinem Geschäftsfeld habe ich als Erzieher bisher so deutliche Erfolge zu verzeichnen wie in diesem. Der Sechsjährige hat zur neuen Saison seine erste Dauerkarte bekommen, und der Vierjährige durfte mit zum Abschiedspiel von Darius Wosz. Dummerweise geht er jetzt aber davon aus, dass es vor jedem Spiel ein Feuerwerk und Pyrotechnik gibt, bei dem einem noch in der zwölften Reihe der Südtribüne die Augenbrauen weggesengt werden. Auch der Überzeugung, bei seiner Anwesenheit im Stadion würden demnächst immer zwanzig Tore fallen, muss ich sanft entgegenwirken.

Sehr kinderfreundlich war das Spiel nicht nur wegen der vielen Treffer, der fehlenden Fouls und der schönen Tricks bis hin zum Fallrückzieher von Funny Heinemann, sondern weil dem Spiel, sagen wir mal, die nahezu hektischen Bewegungen des modernen Hochgeschwindigkeitsfußballs fehlten. Da durfte auch mal in Ruhe der Ball angenommen werden, ohne dass einem gleich der gegnerische Verteidiger auf den Senkeln stand, da kam es zu dem einen oder anderen netten Plausch zwischen Stürmer und Abwehrspieler, und wäre unser Rasen nicht in so einem vorbildlichen Zustand, hätten einige sicher gern zusammen Löwenzahn gepflückt, um ihn sich hinter die Ohren zu stecken. Nur dass man auch bei einem solchen Partykick die „gelbe Sau“ aufhängen wollte (war wahrscheinlich ironisch gemeint) oder einen ehemals verdienstvollen Spieler auspfeifen musste, bloß weil er eine Woche zuvor ein entscheidendes Tor gegen uns gemacht hatte (das wir uns allerdings irgendwie selbst eingeschenkt hatten), das war dem Kurzen nicht klarzumachen.
Der Sechsjährige verfolgte die Partie mit gewohntem analytischem Scharfblick: „Du Papa, wieso spielt dieser eine da denn in der Bundesliga nicht mit?“ – „Welchen meinst du?“ – „Den Puschel!“ – „Peschel.“ – „Meinetwegen, der spielt jedenfalls einen guten Pass! Sollten wir mal dem Herrn Koller sagen!“
Ich persönlich fand die beiden Herren hinter uns am besten, die bei der Vorstellung der Mannschaften fast jeden Namen kommentierten mit: „Wat, der lebt au noch?“ Bei einigen Namen war die Verblüffung mit deutlicher Enttäuschung gewürzt.
Dass im rauen Bundesligaalltag nur selten Kanonen unterwegs sind, die blau-weißes Konfetti verschießen, mussten der Thronfolger und ich dann beim Auswärtsspiel in Leverkusen feststellen: „Papa, warum ist hier den so still?“ – „Das ist Leverkusen“. –„Ach so, stimmt!“
Verlauf und Ausgang des Spiels sind bekannt, aber in puncto Nachwuchsförderung war die Auswärtsfahrt wieder ein voller Erfolg. Als einzige im bevorzugten Bereich der Haupttribüne in vollem Wichs (Trikot, Schal, Kappe) hat man trotz Niederlage den umsitzenden Herrschaften (die sich im Übrigen mehr über den 1.FC Köln unterhalten haben als über Bayer) zumindest gezeigt, wie Stadionbesuch geht. Oder, anders gesagt: Du weißt einfach, dass du etwas richtig gemacht hast, wenn in einem fremden Stadion der Herr neben dir, im kleinkarierten Jackett und mit teuren Slippern an den Füßen, sich zwei Plätze weiter setzt. Darauf kann man aufbauen.