Herrlich! Kampfbetonter Fußball voller Leidenschaft, Tore in letzter Minute, Einsatz bis zum letzten Saisonspiel, bescheidene finanzielle Mittel und spielerische Defizite werden wettgemacht durch Feuer in den Waden.
Doch genug von Energie Cottbus – wie sieht es bei uns aus?
Ich freue mich neuerdings über die merkwürdigsten Dinge. Fiese Siege – okay. Jetzt aber auch: wenige Tore. Wieso? Nun, in meiner rechten Schulter steckt etwas, das auf dem Röntgenbild aussieht wie eine Kugel Kaliber .38, aber nicht aus der Dienstwaffe eines New Yorker Cops stammt, der mich niedergestreckt hat, weil ich an einer Straßenecke „Bush, Bushido, BVB!“ skandiert hätte. Nein, kurz vor Vollendung meines zweiundvierzigsten Lebensjahres beginne ich zu verkalken. Ich habe einen Hinkelstein aus Kalk in der Schulter! Das Tippen fällt mir einigermaßen schwer, weshalb mir der Verein freundlicherweise eine 22jährige Praktikantin zum Diktat abgestellt hat, die sich freut, mal ein paar Stunden aus der Presseabteilung und den dort üblichen Koffein- und Herrenwitz-Exzessen herauszukommen.
Für meine kranke Schulter war das Spiel gegen Duisburg eine Wohltat – entfiel doch dieses ständige Geknuffe nach großartigen Steilpässen und atemberaubenden Torszenen sowie das lästige, bierverschüttende Anjubeln nach den Toren fast völlig. Auf Bier musste ich eh verzichten. Nicht wegen der Schmerzmittel, da sind ja bisweilen ganz hübsche Zustände möglich, sondern weil ich mit der rechten Hand nur unter Schmerzen an den Reißverschluss meiner Hose kam, um ablaufen zu lassen. Im Ehealltag können solche kleinen Handreichungen ja eine gewisse Auffrischung der gegenseitigen Solidarität bedeuten, ja sogar zum Vorspiel gehören, aber im Stadion meinen Kumpel Scotty zu bitten, mir in der engen Kabine zur Hand zu gehen, ist mehr als ich auch nach mehr als zwanzig Jahren Freundschaft verlangen möchte. Und ob der Verein auch für solche Aufgaben Praktikantinnen abstellt… Oder übernähme das der Fanbeauftragte?
Bisweilen habe ich ja einen Faible für die gepflegte Langeweile eines Tabellenplatzes fern der Abstiegsränge, aber irgendwann ist auch gut. Wie wäre es denn mit ein bisschen UI-Cup-Fieber? Aber das ist ja wieder typisch: Kaum in Sicherheit, greift man wieder nach den Sternen, immer hin und her zwischen Depression und großer Fresse. Ruhrgebiet eben.
Die Praktikantin muckt jetzt auf, weil sie das alles nicht witzig findet. Ich antworte ihr was mein Oppa immer sagte, wenn ich ihm klarmachte, dass das mit der Nahrüstung Käse sei: Dann geh doch rüber! Ich meine natürlich Lüdenscheid Nord und Herne West, die Reiche des Bösen, aber sie druckt sich noch an meinem Rechner eine Fahrkarte nach Cottbus aus.
Und ich erhöhe die Schmerzmitteldosis. Es muss Schluss sein mit der Schulter. Im Derby will ich wieder hemmungslos geknufft und angejubelt werden.