Da krisse Gefühle!
26.November 2009

Es gibt da diese Szene in „Asterix bei den Briten“, wo Asterix und Obelix zusammen mit Teefax ein Rugby-Spiel besuchen. Die britischen Zuschauer stehen vor dem Spiel gesittet in der Kassenschlange, bedenken das Vorprogramm mit höflichem Applaus – und rasten völlig aus, als es heißt: „Und hier die Spieler!“ Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich entweder im Stadion oder im heimischen Fernsehzimmer Familienväter in ihren Vierzigern sehe, wie sie sich kurz nach dem Anpfiff in grunzende, sabbernde Urmenschen zurückverwandeln, bei denen es schwer fällt, sich vorzustellen, sie stammten vom Affen ab, da Affen sich meist sehr viel zivilisierter benehmen.

Es stimmt nämlich gar nicht, dass Männer keine Gefühle haben. Sie zeigen sie nur nicht so gerne. Jedenfalls wenn Frauen dabei sind. Und sie reden nicht darüber. Sie schreien sie lieber heraus: „EY, WAS EIN GEILER PASS! GIB MA NONNE PULLE!“ Stöhnen und seufzen kommen nicht so gut, da kriegte man schon früher anne Alleestraße den Kommentar gedrückt: „Ey, krisse Gefühle odda wat?“

Auch diese albernen pre-Match-Behauptungen wie „Heute habe ich ein gutes Gefühl“ sind mit Vorsicht zu genießen. Ich selbst kam schon an strahlenden Sommertagen in blendender Laune auffen Platz – und ging mit einem fetten 0:6 nach Hause. An anderen Tagen beeinträchtigen heftige Darmbewegungen den Genuss des Kicks und trotzdem haut man die Zahnlosen aus der Nachbarstadt weg wie eine Kreisligatruppe.

Beim Fußball stehen Männer nervlich auf verlorenem Posten, und es fällt ihnen schwer, die Beschränkungen, welche in den allgemeinen Naturgesetzen begründet sind, zu akzeptieren. Manchen muss man immer wieder klar machen, dass es nichts bringt, den Fernsehschirm oder das vom Beamer auf die Wand projizierte Bild zu befingern, um die Abseitsstellung des eigenen Stürmers aufzuheben, so dass das längst abgepfiffene Tor doch noch zählt. Auch Vorschläge wie „Ich mache jetzt einen Zeitsprung an der Sonne vorbei, wie in Star Trek 4 und breche Gegenspieler XY noch vor dem Spiel die Beine“ lappen ja durchaus ins Irrationale.

Allerdings sind Männer auch gern bereit, ihre Meinung, beziehungsweise ihre Gefühle, ganz schnell zu ändern. Nach elf Minuten und zwölf Fehlpässen heißt es gerne schon am dreizehnten Spieltag, dass der Abstieg nicht nur in die zweite, nein gleich in die dritte Liga, ja sogar die komplette Streichung aus dem Vereinsregister mit tödlicher Sicherheit nicht mehr abzuwenden sei, nur um nach einem hart erkämpften 1:0, sagen wir mal gegen den HSV, großkotzig zu konstatieren, dass die nächsten Gegner praktisch Fallobst seien und die zwölf Punkte bis zum Europa-Legaue-Platz eigentlich lockere Schlagdistanz. „Vor den Bayern muss man ja nun auch keine Angst mehr haben!“, bäuert es dann im Chor.

Und wenn sie hinterher zu Hause gefragt werden, wie es denn gewesen sei, kommt ihnen wieder nur ein „War okay“ über die Lippen. Es gibt Erinnerungen, die kann man nur mit denen teilen, die dabei waren, das kann man bei jedem Kriegsveteranentreffen beobachten. Aber nachts liegen sie in ihren Betten, starren an die Decke und murmeln: „Es geht doch nix über eine scharfe Hereingabe! Echt, da krisse Gefühle!“