Dazwischengrufen
12.März 2010

Neulich saß ich mit dem Corny Littmann des Ruhrgebiets, Hajo Sommers auf der Tribüne des Niederrheinstadions zu Oberhausen und verfolgte mit dem Präsi das Spiel seiner Rot-Weißen gegen den FC Augsburg. Hinter uns saßen vier ältere Herren, die schon zu Rot-Weiß gingen, als sogar Hajo noch „im großen Teich“ war, wie meine Omma immer die Zeit nannte, bevor ich auf die Welt kam. Kenntnisreich und voller Leidenschaft kommentierten die Herren das Spiel und hauten immer mal wieder einen schönen Spruch raus.

Da ging ein Augsburger nur wenige Meter von uns entfernt zu Boden und stieß dabei einen markerschütternden Schrei aus, was den Kollegen direkt hinter mir zu der Äußerung veranlasste, man könne Schmerzen auch mal stumm ertragen. Mal abgesehen davon, dass das gar kein Foul gewesen sei. Wann immer jener Spieler während des restlichen Spiels nun an den Ball kam, haben die vier Experten nicht gepfiffen, sondern gerufen: „Aua! Aua! Aua!“

Eine Reihe vor mir sitzt der Coach. Seinen Beinamen hat er, weil er immer wieder was von Spezialtraining murmelt, bei dem er die Spieler dazu kriegt, auch nach dem erschöpfungsbedingten Erbrechen weiterzurennen, bis sie lachen. Der Coach geizt ebenfalls nicht mit Sprüchen. So hat er stets die relevanten Verkehrsverbindungen für gegnerische Fans im Kopf und teilt sie ihnen auch mit. Einmal drängte sich ein schwarz-gelber Anhänger durch unsere Reihe, und der Coach rief ihm hinterher: „Sechzenn Uhr vierzenn, Gleis 8! Da fährt deine S-Bahn!“ Der Schwatzgelbe dachte wohl kurz darüber nach, ob hier wohl Gewalt angebracht wäre, entschied sich dann aber anders – und fiel dem Coach um den Hals. Da war es dann an unserem Freund, über Handgreiflichkeiten nachzudenken. Unter den Augen meiner Kinder sehe ich es allerdings als meine Aufgabe an, deeskalierend einzugreifen.

Der Coach hat einen großen Wortschatz, doch einen Begriff sucht man darin vergebens: Angst. Erst neulich verfolgte er das Spiel unseres VfL gegen den Gelsenkirchener Vorortclub in einer Ski-Bar in Obergurgl. Allein unter ungefähr einhundert Schalkern brachte er die Stimmung noch vor dem Anpfiff auf einen frühen Höhepunkt: „So lange ich lebe“, verkündete er feierlich und lautstark, „werdet ihr nicht deutscher Meister!“ Nun gut, kriegte er zur Antwort. Wenn der Weg zur Schalke über deine Leiche führt, dann komm mal mit vor die Tür, damit der Wirt nicht den Dreck wegmachen muss. Als wir 0:2 hinten lagen, strich man dem Coach mitleidig über das kaum noch behaarte Haupt. Noch beim Anschlusstreffer wurde seine Ankündigung, jetzt seien die Königsblauen dem Untergang geweiht, milde belächelt. Sekunden nach dem Ausgleich stahl er sich jedoch aufs Örtchen und entkam durch ein eigentlich vergittertes Fenster.

Nicht von den Oberhausener Oppas, wohl aber von einer Dame (!) in Bochum stammt der Ausruf vom letzten Heimspiel, bei dem, was sie da auf dem Platz sehe, kriege sie es ja an der Prostata. Irgendwas war falsch an dieser Einlassung. Um sie herum wird noch gerätselt, was.