Reißen, nicht schneiden!
09.April 2010

Auch außerhalb von Bochum gibt es Männer, die es nicht leicht haben. Zum Beispiel Volker, der mit einer Cousine meiner Frau verheiratet ist, in der Nähe von Erlangen lebt und zwei Söhne hat, die Fußball spielen und auch noch bei Adidas arbeiten. Am Ostermontag waren wir da zum fränkischen Mittagessen eingeladen. Ein fränkisches Mittagessen heißt „Schäufele mit Klöß“.

Das Schäufele wird von agilen Jungbauern dem noch lebenden Schwein samt Blatt aus dem flachen Teil der Schulter gerissen, worauf die Schwarte kreuzweise eingeritzt wird, was ein Muster ergibt, das an Kopfsteinpflaster erinnert. Gewürzt mit Salz, Pfeffer und Kümmel kommt’s in den Ofen und schmurgelt eine unbekannte Zeit lang seiner Schmackhaftigkeit entgegen. Dazu werden Klöße gereicht, die unter absolut gar keinen Umständen geschnitten werden dürfen! Fränkische Klöße muss man, wie ihre restbayrischen Artgenossen, reißen! Wer Klöße schneidet, wird von eben jenem Jungbauern, der noch in seiner vom Schlachtvorgang blutgetränkten Schürze steckt, mit dem Dreschflegel verprügelt und durch mindestens drei Dörfer gejagt.

Zu einem fleischreichen Essen gehört natürlich Weißbier. Man kann es schlechter treffen. Vor allem, wenn es bereits beim ersten Kloßanriss um Fußball geht. Cousine Babsi, die neue Maßstäbe in Sachen „dralle Kellnerin mit großer Klappe“ setzt und außerdem mit Volker seit bald einem Vierteljahrhundert eine funktionierende Kampfgemeinschaft namens Ehe bildet, hat keine Ahnung vom schönsten Spiel der Welt, wohl aber zu allen Aspekten mindestens eine Meinung. Da stand sie einmal bei einem F-Jugend-Spiel, das Volker als Schiedsrichter leitete, am Spielfeldrand, als der Ball direkt vor ihr auf die Aus-Linie zurollte. Da der arme Achtjährige, welcher der Kugel nachjagte, keine Chance hatte, das Ding noch zu erreichen, stoppte sie das Spielgerät mit ihrer Stiefelette Größe Achtunddreißig. Dass ihr angeheirateter Mitbewohner daraufhin das Spiel unterbrach und sie zurechtwies, konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Volker solle sich mal nicht so aufplustern, das könne sie schon zu Hause nicht ernst nehmen. Ein Schiri, der sich von einer Zuschauerin derartig fertig machen lässt, verliert selbst bei Kindern rapide an Autorität, weshalb Volker seinem Gespons einen Feldverweis erteilte und dies von zwei anwesenden Vätern exekutieren ließ. „Komm du mir nach Hause!“, war noch das Harmloseste, was die Nachfahrin eines rauen fränkischen Bauerngeschlechtes ihm über die Köpfe der sie unter den Achseln herausschleifenden Männer zubrüllte. Ihre Stiefeletten zogen eine scharfe Spur durch fränkische Heimaterde.

Nach dem Essen und dem obligatorischen, vom Schwiegervater selbst gebrannten Apfelschnaps, war ich nicht nur fertig mit Schönschreiben, sondern eigentlich mit allem, was auch nur entfernt an Bewegung erinnerte. Trotzdem fand ich mich kurz darauf am Rande eines Fußballplatzes wieder, wo eine Mannschaft in Blau-Weiß gegen ein Team in Schwarz-Gelb zu spielen hatte – eine Konstellation, die in mir trotz Schäufele, Weißbier und Schnaps genug Adrenalin produziert, um mich aus einem jahrelangen Koma zu reißen. Glücklicherweise handelte es sich bei den Richtigfarbigen um den ASV Weisendorf, der auf der Platzanlage in Erlangen-Tennenlohe gegen den dort heimischen SSV seinen zweiten Tabellenplatz in der Kreisliga verteidigen wollte. In der Innenverteidigung stand wie eine Wand Volkers Sohn Patrick und haute raus, was reinkam. Die erste Halbzeit hatten wir verpasst, es stand eins zu eins, doch als der Schiri abpfiff, hatte der ASV mit 4:1 obsiegt. Gegen Schwarz-Gelb. Ein bisschen fühlte ich mich gerächt.

Einer der auch hier obligatorischen Rentner erspähte meine Kinder in ihren VfL-Parkas und bewegte sich auf uns zu. Klar, dachte ich, den Sendboten einer glorreichen Bundesligamannschaft, also den Vertretern der zivilisierten Welt, gilt es demütig zu huldigen. „Bochum?“, sprach der Mann, und da verzieh ich ihm noch, dass er unser o so kurz ausgesprochen hatte. „Da kennts ihr eich a Scheibla abschneiden vom ASV, wos?“ Ich war so konsterniert, dass es fast eine Minute dauerte, bis ich ihm hinterrufen konnte: „Reißen! Nicht schneiden!“