Es ist Freitagnachmittag im dm-Markt und ordentlich was los. Die Schlange an der einzigen geöffneten Kasse zieht sich fast durch den ganzen Laden, der Geduldsfaden der Kunden ist zum Zerreißen gespannt. Heterogene Gruppen lassen sich – das lehrt die Soziologie – am besten durch einen gemeinsamen Feind zusammenschweißen. An diesem Nachmittag fällt mir diese Rolle zu.
Die Kassiererin hat diese ganz spezielle Kassiererinnen-Ausstrahlung, die besagt: Ich arbeite gern im Supermarkt – wenn da nicht die scheiß Kunden wären!
Ein Fußballspiel zu besuchen, an dem die eigene Mannschaft nicht teilnimmt, ist ein bisschen wie Ehebruch. Na gut, der Vergleich hinkt. Beim Ehebruch soll ja bisweilen eine Menge Leidenschaft mit im Spiel sein, was man beim fußballerischen Fremdgehen oft nicht behaupten kann.
Da meine Frau aus einem kleinen Kaff in der Nähe von Erlangen stammt und ihre Schwester nebst vier fußballverrückten Kindern in Nürnberg wohnt, habe ich auch das dortige Stadion schon besucht und festgestellt, dass Fußballplätze mit einer Laufbahn drumherum einfach nicht mehr zeitgemäß sind. Auch die süddeutsche Zurückhaltung, die auf den Sitzplätzen geübt wird, ist meine Sache nicht. Wird bei uns auch in Block B der Schiedsrichterassistent aus der Sitzschale heraus aufgefordert, sich doch bitte seine Fahne rektal einzuführen, entschlüpft dem Nürnberger Tribünengast gerade mal ein „Des war net in Ordnung!“
Mit uncooler Musik kenne ich mich aus. Nicht nur war ich 1982 auf dem Simon-and-Garfunkel-Konzert im Dortmunder Westfalenstadion, sondern ich ging im gleichen Jahr wegen Claudia auch durch eine kurze, aber intensive Chris-de-Burgh-Phase. Sie lachen? Nun, mein Jugendfreund Mücke rümpfte seinerzeit auch die Nase über den quengelnden Iren, gab aber mit einem Blick auf Claudia zu: „Für die würde ich auch Heino hören!“ Und eine Frau war auch schuld daran, dass ich einige Jahre lang Gefallen an Dire Straits fand.
Irgendwann Mitte der Siebziger machte bei uns gegenüber ein „Schnellimbiss“ auf, der „griechische Spezialitäten“ feilbot. „Ist ja genau, was wir gebraucht haben“, knurrte mein Vater und meinte, so lange meine Mutter diese supergeilen (er benutzte nicht genau dieses Wort) Frikadellen herzustellen willens und in der Lage war, konnte er auf den „Sirtaki-Fraß“ gern verzichten.
Der Blick meiner kulinarisch toleranteren Mutter sprach eine andere Sprache. Ein paar Tage später schickte sie meinen Vater mit einem Zettel und zwanzig Mark über die Straße, um feststellen zu lassen, ob sich unsere Versorgungssituation entscheidend weiter entwickelt hatte und sie demnächst das eine oder andere Mal ihre Finger aus dem Gehacktes halb und halb lassen konnte.
Zum ersten Mal gesehen habe ich es auf einer Party bei Matze Danner, ca. Herbst 1983. Matze wurde sechzehn, und sein älterer Bruder hatte ein paar Freunde mitgebracht. Einer von denen wirkte sehr, sehr cool. Er hatte lange Haare, wie sie eigentlich nicht mehr modern waren. Von New Wave, Poppertum oder New Romantic hatte der noch nie gehört. Er trug eine verwaschene Levi’s, ein Jeanshemd von Wrangler und Cowboystiefel. Eine ganze Zeit hatte er in der Ecke auf einer Matratze gesessen, Rotwein aus einer Korbfla-sche getrunken und sich Zigaretten gedreht. Ein chartgläubiger DJ aus der Parallelklasse hatte die Hits des Jahres rauf und runter gespielt: „Hey little Girl“, „Let’s dance“, „Too shy“, „Last Night a DJ saved my Life“ – solche Sachen halt. Plötzlich aber nahm sich Matzes Bruder des Plattenspielers an, und dann brach ein Gewitter über die bis dahin gesittete Party herein. Später erfuhr ich, dass es sich dabei um „Love Hunter“ von Whitesnake han-delte, und zwar live. Das war damals nicht meine Musik. Im Mai 1982 war ich beim Kon-zert von Simon and Garfunkel im Dortmunder Westfalenstadion gewesen, das sagt alles.