Warum spielen Männer Luftgitarre?
03.Februar 2009

Zum ersten Mal gesehen habe ich es auf einer Party bei Matze Danner, ca. Herbst 1983. Matze wurde sechzehn, und sein älterer Bruder hatte ein paar Freunde mitgebracht. Einer von denen wirkte sehr, sehr cool. Er hatte lange Haare, wie sie eigentlich nicht mehr modern waren. Von New Wave, Poppertum oder New Romantic hatte der noch nie gehört. Er trug eine verwaschene Levi’s, ein Jeanshemd von Wrangler und Cowboystiefel. Eine ganze Zeit hatte er in der Ecke auf einer Matratze gesessen, Rotwein aus einer Korbfla-sche getrunken und sich Zigaretten gedreht. Ein chartgläubiger DJ aus der Parallelklasse hatte die Hits des Jahres rauf und runter gespielt: „Hey little Girl“, „Let’s dance“, „Too shy“, „Last Night a DJ saved my Life“ – solche Sachen halt. Plötzlich aber nahm sich Matzes Bruder des Plattenspielers an, und dann brach ein Gewitter über die bis dahin gesittete Party herein. Später erfuhr ich, dass es sich dabei um „Love Hunter“ von Whitesnake han-delte, und zwar live. Das war damals nicht meine Musik. Im Mai 1982 war ich beim Kon-zert von Simon and Garfunkel im Dortmunder Westfalenstadion gewesen, das sagt alles.

Als David Coverdale brüllte I need a woman to tread me good / And give me everything a good woman should, enterten die Freunde von Matzes Bruder die Tanzfläche und fingen an, ihre Köpfe schütteln, die Haare fliegen zu lassen, mit Fäusten in die Luft zu boxen. Auch der coole Selbstdreher sprang auf, schob sich die Packung Drum in die hintere Hosentasche und machte mit – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Er bewegte sich nicht einfach zur Musik, sondern schien die Musik selbst zu erzeugen. Seine linke Hand umklammerte einen imaginären Gitarrenhals, die rechte hämmerte mit einem unsichtbaren Plektron auf Saiten ein, die nicht da waren. Das sah schon ziemlich gekonnt aus, aber als die Nummer sich öffnete zu einem außufernden Solo des Gitarristen Micky Moody, lief der Coole zur Hochform auf. Plötzlich konnte man die Gitarre praktisch sehen. Das Solo spielte Frage und Antwort mit dem Publikum, und die ganze Party grölte mit. Der Coole hielt auch Schritt, als Moody das Tempo immer mehr anzog. Am Ende hätte ich beinahe applaudiert.

Damit hat es wohl bei mir angefangen. Na gut, ich verfiel auf den Partys der folgenden Jahre nicht automatisch und pausenlos ins Luftgitarrespielen, aber dann und wann, wenn es nötig war, wenn ich gar nicht anders konnte, oder wenn man vermuten durfte, dass Frauen anwesend waren, die sich eventuell durch musikalische Virtuosität und die Bereitschaft, aus sich herauszugehen, beeindrucken ließen, dann musste es sein. Natürlich sah das immer etwas albern aus, und je älter man wurde, desto alberner wirkte es. Vielleicht wirkt es irgendwann wieder cool oder wenigstens putzig, so wie schlüpfrige Sprüche des kranken Greises im Krankenhaus kein Sexismus mehr sind, sondern Ausdruck der geistigen Regsamkeit eines alten Herrn.

Im Fernsehen habe ich mal eine Frau gesehen, die es getan hat, aber eigentlich ist das Luftgitarrespielen eine männliche Domäne. Das liegt sicher nicht daran, dass es Männern leichter fällt, sich lächerlich zu machen. Wer jemals eine Horde betrunkener Frauen Mitte Fünfzig auf einem Kegelausflug erlebt hat, wird wissen, was ich meine. Das Luftgitarrespielen hat seinen Ursprung im männlichen Balzverhalten, ist das Äquivalent des schwellenden Kammes eines geilen Hahnes, der die Hennen durch seine Bewegungen scharf macht. Oder machen will.

Gleichzeitig haben Männer das tiefe Bedürfnis, Teil von etwas Großem zu sein, Teil der Emotionsmaschine Rockmusik: Ich könnte selbst auf der Bühne stehen und genau das machen, was der Typ mit den langen Haaren da macht, wirklich, ich muss es nur wollen!

Später, wenn das Haus gebaut, der Baum gepflanzt, der Sohn gezeugt ist, bringt dich die Luftgitarre wieder dahin zurück, wo alles angefangen hat, zurück in die Zeit, als alles so folgenlos schien, so offen und unschuldig, verglichen jedenfalls mit der Jetztzeit, wo die Hypothek drückt, der Sohn sich vom Vater abwenden und er Apfelbaum einfach nur Arbeit macht, während auch noch die schmutzige kleine Affäre mit der Praktikantin aufzufliegen droht, hackt die Luftgitarre dir eine Schneise zurück in dein früheres Leben. Und es kann so befreiend sein, etwas zu tun, was andere für völlig bescheuert halten. Luftgitarrespielen ist jedenfalls ungefährlicher als plötzlich mit dem Harleyfahren anzufangen.