Irgendwann Mitte der Siebziger machte bei uns gegenüber ein „Schnellimbiss“ auf, der „griechische Spezialitäten“ feilbot. „Ist ja genau, was wir gebraucht haben“, knurrte mein Vater und meinte, so lange meine Mutter diese supergeilen (er benutzte nicht genau dieses Wort) Frikadellen herzustellen willens und in der Lage war, konnte er auf den „Sirtaki-Fraß“ gern verzichten.
Der Blick meiner kulinarisch toleranteren Mutter sprach eine andere Sprache. Ein paar Tage später schickte sie meinen Vater mit einem Zettel und zwanzig Mark über die Straße, um feststellen zu lassen, ob sich unsere Versorgungssituation entscheidend weiter entwickelt hatte und sie demnächst das eine oder andere Mal ihre Finger aus dem Gehacktes halb und halb lassen konnte.
Mein Vater blieb eine ganze Stunde drüben, und als er zurückkam hatte er nichts zu essen dabei. Ganz aufgekratzt meinte er, meine Mutter in die Höhe hebend, dass Ouzo zwar ziemlich nach Lakritz schmecke, was man aber nach dem dritten oder vierten gar nicht mehr merken würde. Der Wassili sei ziemlich in Ordnung und ob meine Mutter nicht demnächst mal ein bisschen Schafskäse in die Frikadellen packen könnte. Als meine Mutter wissen wollte, was mit den zwanzig Mark passiert seien, verdrehte mein Vater nur die Augen und sagte, nur das erste Glas sei umsonst gewesen.
Bis ich mit einundzwanzig zu Hause auszog, blieb der Akropolis-Grill unsere Hauptanlaufstelle, wenn es um aufgespießtes Fleisch mit feuchten Zwiebeln und knoblauchgetjuhnten Quark ging, nur bewohnte ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr ein winziges Appartement unterm Dach zwei Stockwerke über meinen Eltern, eine Eigenständigkeit, die ich vor allem dazu nutzte, am Wochenende ebenso wie an den Tagen dazwischen unbemerkt die Auswirkungen von Alkohol in allen möglichen Zubereitungsformen auf den Organismus eines Heranwachsenden zu testen. Nun haben Männer eine ganz merkwürdige Angewohnheit: Sie können noch so blau und müde sein, am Ende einer ernsthaften Trinkeinheit muss als krönender Abschluss noch feste Nahrung obendrauf, und sei es auch nur, damit man am nächsten Mittag etwas hat, dem man Guten Tag sagen kann, wenn man sich über die Schüssel beugt. Da der Akropolis-Grill meist gegen dreiundzwanzig Uhr dicht machte, gab es früh um vier oder fünf nur einen Ort, an dem man noch schwer Fettiges zu sich nehmen konnte: „Hölschers Imbiss“ an der Gußstahlstrasse, gleich um die Ecke der beliebten Vergnügungsmeile „Im Winkel“ (im Volksmund auch „Eierberg“ genannt). Hier traf man junge Frauen in hohen Stiefeln und Herren jeden Alters, die irritiert in der Körpermitte zusammenzuckten, wenn die Damen herzhaft ihre weißen Zähne in eine gebräunte, kunstvoll aufgeplatzte, fettglänzende Bratwurst senkten. Im Hintergrund hockte in der winzigen Pommesbude ein alter Mann mit einer Ledermütze (der alte Hölscher?) und schnitzte – wahrscheinlich die Pommes.
Hier wurde auch meine Vorstellung vom Personal geprägt. Wenn man jemandem was abkauft, muss man darauf vertrauen können, dass dieser Jemand voll hinter dem Produkt steht und es auch selbst benutzt. Ein Mercedes-Händler, der privat Opel fährt? Geht doch nicht! Wenn ich also so ein spilleriges Männchen von einsfuffzich sehe, sage ich mir: Bei dem kaufe ich vielleicht Drogen, aber doch keine Pommes! Pommes-Personal muss sein wie die Frau bei Hölschers-Imbiss: Mühsam foltert sie jeden Abend ihren massigen Leib in einen ehemals weißen Haushaltskittel, der von verblichenen Sauce-Flecken übersät ist. Die Waden sind nackt, die Füße stecken in grob gewirkten Socken und die wiederum in billigen Plastikschlappen. Der Haushaltskittel darf natürlich keine Ärmel haben, denn ich will sehen, wie die Muskeln im Unterarm der Pommes-Frau arbeiten, wenn sie die Bratwurst mit der Papierschere zerteilt. Nur dann hat man nämlich die Gewähr, dass immer mindestens drei Teile aneinander hängen, denn eine gute Currywurst muss man essen wie Matjes: Kopp in Nacken und dann von oben senkrecht in den Mund hinablassen!
Unvergesslich auf ewig eine in der Brüderstraße gelegene Lokalität, die „Restaurant“ zu nennen ich mich nicht scheue. Überm Eingang eine seit ca. 1974 nicht veränderte Werbung, mit einem Wort, das (in zeittypisch gerundeten roten Lettern auf orangefarbenen Grund – heute wieder voll state of the art) dem wahren Gourmet noch immer den Gaumen feuchtet: Rösti! Welch ein Anblick, wenn der freundliche Herr in dem sympathisch knappen T-Shirt die mit kinderkopfgroßen Fleischstücken besetzten Schaschlik-Spieße aus dem kleinen Ozean sämiger Soße im Warmhaltebecken hebt! Wer hier Salat bestellt, behält auch beim Vögeln die Socken an und trinkt alkoholfreies Bier.
In den acht Jahren, die ich an der Castroper Straße direkt gegenüber vom Planetarium wohnte (mit einem Vermieter, der gern die Beete vor meinem Fenster von Unkraut befreite, wobei die Trainingshose im so weit herunterrutschte, dass ich freie Sicht bis in den Blinddarm hatte), war es wieder ein „Akropolis Grill“, betrieben von einem melancholisch lächelnden Mittfünfziger, den bisweilen rätselhafte kulinarische Skrupel befielen. Nach Aufnahme der Bestellung starrte er oft versonnen in das siedende Fett der Friteuse und seufzte kopfschüttelnd: „Immer nur Kalorien, Kalorien, Kalorien!“
Eines Nachts, als ich hochtrunken vor meiner Haustür kniete und seit einer halben Stunde versuchte, die wollsockendicke Zunge zwischen den Lippen, den Schlüssel in das Schloss zu bugsieren, kam der Grieche, ebenfalls jenseits der Fahrtüchtigkeit. die Straße herauf geschlendert, packte mich unter den Achseln und nahm mich mit in die Pommesbude, wo er die Nacht verbringen musste, weil seine Frau ihn zu Hause rausgeschmissen hatte. (Wahrscheinlich hatte er ihr monströses Hinterteil unter dem geblümten Haushaltskittel angestarrt und gemurmelt: „Immer nur Kalorien, Kalorien, Kalorien!“) In der Pommesbude saßen wir dann auf zwei Klappstühlen unter dem ausgeschalteten Spielautomaten und der hellenische Melancholiker (dessen Namen ich nie erfahren habe) reichte mir glasklaren Selbstgebrannten in einer Flasche „Brohler Mineralwasser“ (Alter Slogan: „Trink Brohler, dann wird’s dir wohler!“). Das Zeug ritt einen erfolgreichen, vernichtenden Angriff auf große Teile meiner Mundschleimhaut, sorgte aber für eine brillante Klarheit im Geiste. Und als der Enkel von Alexis Sorbas mir erzählte, dass er sich mit seiner Frau gestritten habe, weil die es im kalten Deutschland nicht mehr aushalte und sich zurücksehne nach den blauen Himmeln über Heraklion, da wusste ich dass Fast Food und Kontemplation in meinem Leben nie wieder so dicht beisammen liegen werden.
Noch heute summe ich lächelnd jenen alten Gassenhauer von Mireille Matthieu, wenn ich an einem Akropolis-Grill vorbei gehe.