Mit uncooler Musik kenne ich mich aus. Nicht nur war ich 1982 auf dem Simon-and-Garfunkel-Konzert im Dortmunder Westfalenstadion, sondern ich ging im gleichen Jahr wegen Claudia auch durch eine kurze, aber intensive Chris-de-Burgh-Phase. Sie lachen? Nun, mein Jugendfreund Mücke rümpfte seinerzeit auch die Nase über den quengelnden Iren, gab aber mit einem Blick auf Claudia zu: „Für die würde ich auch Heino hören!“ Und eine Frau war auch schuld daran, dass ich einige Jahre lang Gefallen an Dire Straits fand.
1978 oder 79 war bereits absehbar, dass Carola Rösler mal das schönste Mädchen der Schule werden würde, und da auch in mir als Zwölf-, Dreizehnjährigem die Hormone täglich alle Zehne bowlten, hatte ihr Wort Gewicht. Bei einer der seinerzeit in Mode kommenden Kellerparties hatte sie die erste Dire-Straits-LP, die schlicht „Dire Straits“ betitelt war, aufgelegt und sich zu „Six Blade Knife“ auf eine Art und Weise bewegt, wie es eigentlich hätte verboten sein sollen. Da die anderen anwesenden Jungs das ebenso sahen, lief die Platte den halben Abend durch, und irgendwann fingen wir an, uns mit den Texten zu beschäftigen. Tja, und dann war da die Stelle in „Down to the Waterline“, wo es um „french kisses in darkened dorways“ ging. Ich musste lachen und fragte laut heraus, was denn „französische Küsse“ sein sollten, und während Mücke sich wegdrehte, als wollte er sagen: „Ich kenne den Typ nicht!“, beugte sich Carola Rösler zu mir vor und flüsterte: „Zungenküsse, Frank! Das ist, wenn man die Lippen aufeinanderlegt und die Zunge in den Mund des anderen schiebt!“
Kennen Sie den Ausdruck „trocken schlucken“?
In den nächsten Wochen musste ich mir nicht mehr die BILD-Zeitung meines Oppas klauen, um mich mit dem Mädchen auf Seite eins in Fahrt zu bringen, ich legte einfach „Down to the Waterline“ auf.
Ein paar Jahre später freundete ich mich mit Uli Swoboda aus der Parallelklasse an, der nicht nur ein beinharter Straits- und Neil-Young-Fan war, sondern mich auch überredete, mit ihm zusammen Gitarre zu spielen. Ich sah mich damals gern als Aushilfs-Dylan, als Ruhrgebiets-Lennon, versuchte Songs zu schreiben, um mich an Mädchen heranzumachen, die ich in dieser Hinsicht für empfänglich hielt.
Uli konnte alle Mark-Knopfler-Soli parallel zur Platte mitspielen, sogar das am Ende von „Sultans of Swing“. Ich konnte das auch bald – allerdings nur auf der Luftgitarre. Heute kriege ich heiße Ohren vor Peinlichkeit, wenn ich mein vierundzwanzig Jahre jüngeres Ich in einem Achtziger-Jahre-Partykeller stehen sehe, wie es mit geschlossenen Augen, den Kopf in den Nacken gelegt, die schon damals leicht wurstigen Finger über ein imaginäres Griffbrett rasen lässt. Außerdem machte ich ein ziemliches Gewese darum, dass ich die Texte alle auswendig konnte.
Also hockte ich mit Uli in seinem oder meinem Zimmer, spielte Rhythmus-Gitarre, während Uli sich in endlose Soli abseilte. Okay, dachte ich, dann werde ich in der Band, die wir noch gründen und mit der wir dann weltberühmt werden würden, den Sänger geben müssen. Frauen, Drogen, kaputte Hotelzimmer.
Klare Sache, bei einem 1a-Gitarrenhandwerker wie Mark Knopfler war die Live-Performance immer besonders wichtig. Komischerweise war ich nie ein leidenschaftlicher Konzertgänger. Zwar habe ich Trio in der „Zeche“ gesehen, Paul und Artie in Dortmund, David Lee Roth (!) in Bern (!!), die schweizer Heavy-Combo Gotthard (!!!) in Köln sowie einige Grönemeyer-Konzerte, die bei uns in Bochum gleichsam eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit unabhängig von Musik und Texten darstellen, doch damit hat es sich auch fast schon. Instinktiv habe ich Menschenansammlungen, die nicht für mich zusammen kommen, immer abgelehnt.
„Alchemy“, die Live-Platte, die Dire Straits 1984 herausbrachte, war ein bisschen nervig, weigerte Knopfler sich doch in stupender Beharrlichkeit, den Melodien, wie man sie von den Studio-Platten kannte, zu folgen. Da ich immer Schwierigkeiten hatte, so etwas wie Takt und Rhythmus überhaupt zu erkennen, geschweige denn zu halten, wusste ich nie, wo im Song der Mann gerade war. Mitsingen war nicht, und das fand ich undemokratisch. Meine Begeisterung (die ohnehin nie so stark ausgeprägt war wie gegenüber den Beatles, den Stones, Dylan und Springsteen) flaute ab, und kam in der zweiten Hälfte der Achtziger komplett zum Erliegen.
Bei vielen Solo-Künstlern und Bands, zu denen man sich später nicht mehr so recht bekennen möchte, funktioniert die Formel: „Ja, heute machen sie nur noch Mist, aber die frühen Sachen sind völlig okay!“ Das trifft auch auf Dire Straits zu. Das Debüt-Album ist schon eine feine Sache. Die perlenden Soli, die schrömmelnde Dobro im Hintergrund, dieser leichte Blues-Einschlag – das kann man schon machen. „Communiqué“ hatte ich nur als Kaufkassette, auf der Seite 1 und 2 vertauscht waren, so dass ich jahrelang dachte, die Platte fange mit „Lady Writer“ an, anstatt mit dem famosen „Once upon a time in the West“. Auch „Making Movies“ ist noch immer eine schöne Platte, aber schon mit „Lover over Gold“ ging es dann bergab. „Telegraph Road“ hatte noch was mit seinen überbordenden 14 Minuten, aber bei den anderen Nummern verdichtete sich der Verdacht, Knopfler falle nicht mehr viel ein, vor allem keine Melodien – das Hauptproblem talentierter Songwriter, die in die Jahre kommen. Fragen Sie mal Paul Simon.
Was bleibt sind Erinnerungen an die einzigen Abende, die mich einem erträumten Dasein als Rockmusiker mal zwei Zentimeter näher gebracht haben, die Sessions mit Uli Swoboda. Und natürlich die französischen Küsse in dunklen Toreinfahrten.
Heute Abend, wenn die Kinder im Bett sind, werde ich mal „Down to the Waterline“ auflegen und sagen: „Schatz, lass uns noch eine Runde um den Block drehen!“