Fremdgehen mit Wacker
02.Juni 2009

Ein Fußballspiel zu besuchen, an dem die eigene Mannschaft nicht teilnimmt, ist ein bisschen wie Ehebruch. Na gut, der Vergleich hinkt. Beim Ehebruch soll ja bisweilen eine Menge Leidenschaft mit im Spiel sein, was man beim fußballerischen Fremdgehen oft nicht behaupten kann.

Da meine Frau aus einem kleinen Kaff in der Nähe von Erlangen stammt und ihre Schwester nebst vier fußballverrückten Kindern in Nürnberg wohnt, habe ich auch das dortige Stadion schon besucht und festgestellt, dass Fußballplätze mit einer Laufbahn drumherum einfach nicht mehr zeitgemäß sind. Auch die süddeutsche Zurückhaltung, die auf den Sitzplätzen geübt wird, ist meine Sache nicht. Wird bei uns auch in Block B der Schiedsrichterassistent aus der Sitzschale heraus aufgefordert, sich doch bitte seine Fahne rektal einzuführen, entschlüpft dem Nürnberger Tribünengast gerade mal ein „Des war net in Ordnung!“

Zweimal bereits habe ich den Wacker Sportpark in Burghausen besucht. Mein viel zu früh verstorbener Schwiegervater stammte daher, weshalb sich noch immer ein Mehrfamilienhaus im Besitz der Familie befindet, um welches sich meine Schwiegermutter kümmern muss. Vor ein paar Jahren hatte sie da einen Wasserschaden, ihr langjähriger Klempner war unzuverlässig geworden, also setzte sie sich mit dem Marktführer am Ort in Verbindung. Der Chef, selbst Witwer, erschien am Schadensort und die Hormone hatten Frühling. Meine Schwiegermutter zog nach Burghausen, und wir verbringen für lau unsere Sommerurlaube, ja wir finden uns bisweilen sogar außer der Reihe dort ein.

Und so begab es sich dass ich vor einigen Jahren die Zweitliga-Partie zwischen Wacker Burghausen und LR Ahlen besuchte, gemeinsam mit Schwiegermutters Gspusi, der wo von den Kindern bereits „Opa Klaus“ genannt wurde. Vor dem Stadiontor wurden wir von einem jungen Mann mit Klemmbrett in der Hand aufgehalten, der uns fragte, wo wir herkämen, man versuche gerade den Einzugsbereich des SV Wacker zu ermitteln. „Nun“, sagte ich, ich komme aus Bochum.“ Darauf der junge Mann: „Das habe ich nicht auf der Liste.“ Ich war nicht amüsiert. „Dann schreiben Sie das aber mal ganz schnell da drauf!“ Nun sind viele Menschen in dieser Gegend bei der Freiwilligen Feuerwehr oder dem örtlichen Schützenverein, mithin in hierarchisch klar gegliederten Organisationen, weshalb der Mann meiner Aufforderung beinahe nachgekommen wäre.

Übrigens: Im Wacker-Team stand an diesem Abend der ehemalige Bochumer Torhüter Uwe Gospodarek, als Trainer der Gästemannschaft fungierte der frühere Bochumer Torschützenkönig und heutige VfL-Manager Stefan Kuntz. Ich war also nicht der einzige Bochumer. Das Spiel war im Übrigen eher der Kategorie „Grottenkick“ abzulegen. Wacker verlor mit 0:1.

Ende November 2005 besuchten Scotty und ich das wahrscheinlich auf sehr lange Sicht letzte Liga-Auswärtsspiel des VfL in Burghausen. Hatte ich den Kick gegen Ahlen in jeder Hinsicht weitgehend nüchtern verfolgt, war das hier schon etwas anderes, schließlich ging es um den sofortigen Wiederaufstieg in die Erste Bundesliga. Opa Klaus hatte uns seine zwei Dauerkarten zur Verfügung gestellt, die er jede Saison bekommt, da er mit seinem Unternehmen Bandenwerbung im Wacker Sportpark macht. Ein Cousin meiner Frau war ebenfalls zugegen und wiegelte immer wieder ab, eigentlich sei Burghausen ja viel zu klein für die zweite Liga und die Leute auch nicht so wild auf Fußball. Irgendwie deprimierend, wenn sich der Gegner schon vorher entschuldigt.

Nun, zumindest regierte auch hier zumindest nicht der nackte Wahnsinn. Als nach ein paar Minuten unsere Mannschaft die erste Torchance vergab, sprangen Scotty und ich auf und echauffierten uns einer der Situation angemessenen Art und Weise, also laut und schmutzig. Die Umsitzenden sahen uns an, als würden uns Leichteile aus der Tasche hängen. Dass nicht wenige lange vor dem Schlusspfiff den Ort des Geschehens verließen, mag nicht nur an der deutlichen 4:0-Führung des VfL gelegen haben.

Es begab sich dann aber doch noch, dass mal die ganze Familie für den SV Wacker gebrüllt und gezittert hat, und zwar bei diesem packenden Pokalspiel gegen Bayern München am 6.August 2007. Meine Schwiegermutter, zu diesem Zeitpunkt auf Besuch bei uns in Bochum, gab vor, sich für das Spiel, das live im Ersten übertragen wurde, nicht sonderlich zu interessieren, und das obwohl ein Mädchen aus der weitläufigen Verwandtschaft als sogenanntes „Einlaufkind“ (ein hässliches Wort!) an der Hand eines Bayernspielers aufs Feld gelaufen kam. Man rechnete mit einem deutlichen Sieg der Münchener Millionentruppe.

Schwiegermutter schaltete sich erst in der zweiten Halbzeit zu, als gerade ein Schuss der Burghausener knapp am Tor vorbei flog. Sie zeigte sich plötzlich interessiert. Und als in der 61. Minute der tapfere Neubert das 1:0 für Wacker erzielte, ging eine Veränderung mit ihr vor. Nach dem unwillkürlichen, sie selbst verwundernden, nichtsdestotrotz ohrenbetäubenden Torschrei, verengten sich ihre Augen, ihr Kopf schob sich nach vorne, um das Geschehen auf der Mattscheibe in gebotener Deutlichkeit verfolgen zu können. Die folgenden dreißig Minuten plus Verlängerung plus Elfmeterschießen war ein weiterer, eigentlich nicht mehr notwendiger Beweis, dass Fußball irgendwann alle kriegt, und dass detaillierte Regelkenntnis keine Voraussetzung für bedingungslose Hingabe ist. „Ja, mei, wieso krriegt jetzt der Münchner den Ball?“ – „Na ja, weil der Gegenspieler ihn umgehauen hat!“ – „Herrschaftszeiten, des is doch nur a Münchner!“

In der 79. Minute erzielte Miroslav Klose den Ausgleich für den FC Bayern. Von neutralen Beobachtern wird dann gern der Begriff „verdient“ ins Spiel gebracht, womöglich aufgrund der „größeren Spielanteile“. Dabei wird gern übersehen, dass es einen „verdienten“ Ausgleich oder eine „verdiente“ Führung für den FC Bayern per Definition nicht geben kann!

Selbstredend gingen wir davon aus, dass der Deutsche-Abo-Meister die Zweitliga-Absteiger jetzt aus ihrem kleinen Stadion schießen würde, tatsächlich aber kämpften die wackeren Wackerer das Match über die Zeit. Das folgende Elfmeterschießen war eigentlich nicht zu ertragen: Ribery bringt Bayern in Führung, Schulz knallt den Ball an die Latte. Van Bommel verwandelt. Alles nach Plan. Neubert verkürzt auf 1:2. Und Torhüter Riemann hält den Elfer von Sosa! Der Junge hatte schon im Spiel weltklasse gehalten, jetzt brachte er Wacker wieder ins Spiel. Aber Martins setzt den Ball an den Pfosten: Wacker am Boden. Dann verschießt Altintop, und Schmidt verwandelt, es steht 2:2. Lahm erhöht für die Bayern, kein anderer als der junge Torhüter Riemann haut den nächsten Elfmeter für Wacker in die Maschen und hält dann den Schuss von Demichelis. Was passiert hier? Was die Wacker-Fans auf der Stahlrohr-Tribüne anstellen ist sicher auf der Richter-Skala abzulesen und wird noch in Erdbebenforschungsinstituten in San Francisco registriert. Wacker schmeißt Bayern raus, bin ich mir setzt sicher, und zu diesem Zeitpunkt bin ich ja noch davon überzeugt, dass meine Mannschaft im nächsten Jahr im Finale stehen wird. Danke, Wacker, dass ihr den schwersten Endspielgegner schon mal rausgeschmissen habt!

Dann aber hält Oliver Kahn, nicht gerade als Elfmeterkiller bekannt, gegen Palionis. Die letzten Hoffnungen der Burghausener ruhen jetzt auf dem 22jährigen Thomas Mayer – der dann aber leider gegen Kahn verschießt. „Nein!“, schreit meine Schwiegermutter und: „Oh Gott, der arme Junge! Des darrf net wahr sein!“ Als VfLer kenne ich das: So kurz davor, und dann doch wieder nix.

Auch ich war richtig erschöpft nach dem Spiel. Ich hatte zwar kein schönes, wohl aber ein tolles Fußballspiel gesehen. Damit war bewiesen: Die eine Art Fremdzugehen sollte man gar nicht machen. Die andere aber, die im Fußball, kann manchmal ganz schön sein.